Mercor AI: KI-Trainingsplattform

Avatar
Lisa Ernst · 03.11.2025 · Technik · 5 min

Das US-Startup Mercor AI steht im Fokus der Diskussionen um KI-gestützte Personalarbeit. Mit hohen Bewertungen und dem Versprechen, Recruitingprozesse zu revolutionieren, zieht das Unternehmen sowohl Investoren als auch Jobsuchende an. Gleichzeitig wachsen kritische Stimmen, die die tatsächliche Natur der Jobangebote hinterfragen und Datengewinnung als primäres Motiv vermuten.

Mercor AI: Überblick

Mercor AI, ein 2023 gegründetes US-Startup, verbindet Künstliche Intelligenz (KI) mit Personal- und Recruitingprozessen. Die Plattform bewertet Kandidat:innen mittels KI-Algorithmen und verbindet sie mit offenen Stellen. Firmen mit hohem Bedarf an Expert:innen, beispielsweise in den Bereichen Software, Recht oder Medizin, nutzen Mercor, um passende Kandidat:innen vorgeschlagen zu bekommen. Mercor setzt dabei auf KI und automatisierte Interviews zur Vorauswahl. Begriffe wie „Human-in-the-loop“ und „Data labelling“ beschreiben die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine sowie die Markierung von Daten zum KI-Training. Ein Beispiel hierfür ist eine Plattform, auf der Expert:innen wie Anwält:innen oder Ärzt:innen Bewertungen oder Antworten liefern, die zur Verbesserung der KI dienen.

Das Startup wurde von drei jungen Gründer:innen, darunter Brendan Foody, mit Thiel-Fellowship-Hintergrund, ins Leben gerufen. Im Februar 2025 schloss Mercor eine Finanzierungsrunde über rund 100 Millionen USD ab, was einer Bewertung von etwa 2 Milliarden USD entsprach. Parallel dazu berichten Quellen über einen rapiden Anstieg der Nutzer:innenbasis. Kritiker:innen äußern jedoch Bedenken hinsichtlich der Jobangebote, da Mercor vorgeworfen wird, viele Interviews durchzuführen, ohne dass eine tatsächliche Beschäftigung folgt. Eine juristische Auseinandersetzung besteht zudem mit Scale AI, einem anderen KI-Daten-Labeling-Unternehmen, das Mercor wegen mutmaßlicher Geheimnisnutzung verklagt hat.

Analyse und Kritik

Das Geschäftsmodell von Mercor AI weckt großes Interesse aus mehreren Gründen. Im Zeitalter großer KI-Modelle ist hochwertige Datenarbeit essenziell. Modelle lernen nicht nur aus vorhandenen Daten, sondern auch aus menschlicher Bewertung und Korrektur. Ein Dienstleister wie Mercor, der Expert:innen-Netzwerke zur Verfügung stellt, um KI-Systeme bei anspruchsvollen Aufgaben zu unterstützen, ist daher stark nachgefragt. Die Dynamik von Start-up-Investments in der KI-Branche setzt auf Wachstum, Skalierbarkeit und Marktanteil. Eine hohe Bewertung von 2 Milliarden USD signalisiert, dass Investoren auf eine starke Expansion dieses Geschäftsmodells setzen, das die Automatisierung von Recruitingprozessen und die Teilnahme an der Wertschöpfungskette von KI umfasst.

Die Mercor AI Plattform verbindet Talente weltweit mit Top-Möglichkeiten.

Quelle: aiguide.cc

Die Mercor AI Plattform verbindet Talente weltweit mit Top-Möglichkeiten.

Der virale Internet-Effekt spielt ebenfalls eine Rolle. Ein hoch bewertetes Unternehmen, das „gigartige“ Jobangebote verspricht, erzeugt Aufmerksamkeit bei Jobsuchenden und Kritikern gleichermaßen. Skeptiker bemerken, dass manche Stellenangebote wenig konkret sind und eher Daten-Interview-Aufgaben als echte Anstellungen darstellen könnten. Berichte deuten darauf hin, dass viele Interviews eher der Datengewinnung für die KI-Plattform dienen als einer tatsächlichen Beschäftigung. Die Behauptung, dass alle Kandidat:innen „bis zu 100 $/h“ verdienen, ist nicht systematisch bestätigt; Erfahrungsberichte variieren stark und viele sprechen von Unsicherheit.

Quelle: YouTube

Auf der einen Seite sehen Investoren und Medien Mercor als vielversprechendes KI-Recruiting-Unternehmen. So wurde beispielsweise berichtet, dass die „AI hiring platform Mercor backed by Dorsey, Peter Thiel in $30 mln fundraise“. Auf der anderen Seite gibt es kritische Stimmen. Nutzerberichte auf Plattformen wie Glassdoor oder Blind argumentieren, dass es sich um ein Daten-Sammlungssystem handeln könnte. Ein Nutzer schreibt: „They ask people to do an interview for them to get training data.“ Diese Gegenpositionen betonen, dass bei Angeboten, die zu gut klingen, um wahr zu sein, genau hingesehen werden sollte, insbesondere hinsichtlich konkreter Vertragsbedingungen, Auftraggeber und echter Perspektiven.

Einblick in die Mercor-Plattform: KI-gestützte Profile erleichtern die Talentauswahl.

Quelle: nextool.ai

Einblick in die Mercor-Plattform: KI-gestützte Profile erleichtern die Talentauswahl.

Belegt ist, dass Mercor eine Finanzierungsrunde abgeschlossen und eine Bewertung von rund 2 Mrd. USD erreicht hat. Das Unternehmen wirbt mit dem Einsatz von KI im Recruiting, beispielsweise mit automatisierten Interviews und Matching-Technologie. Unklar bleibt jedoch, wie viele Personen tatsächlich über Mercor eine Festanstellung erhalten haben im Vergleich zu reinen Interview- oder Datenverarbeitungsschritten. Auch die Behauptung, dass alle Jobangebote wirklich so „hoch bezahlt“ sind, wie manche Anzeigen suggerieren, ist nicht systematisch bestätigt. Es gibt keine verlässlichen Belege dafür, dass Mercor durchweg legitime Anstellungen vermittelt, selbst wenn so geworben wird. Nutzerberichte legen nahe, dass viele Interviews eher der Datengewinnung für die KI-Plattform dienen als einer tatsächlichen Beschäftigung.

Auswirkungen und Empfehlungen

Für Jobsuchende bedeutet dies: Wenn Sie ein Angebot von Mercor oder einer ähnlich klingenden Firma erhalten, prüfen Sie sorgfältig. Gibt es klare Angaben zur Tätigkeit, zum Stundenlohn und zur Vertragsdauer? Wer ist der Auftraggeber? Werden Zahlungen abgesichert? Für Unternehmen zeigt das Modell, wie KI-Recruiting künftig aussehen könnte: schnellere Matching-Prozesse, Einsatz von Expertenfeedback und Daten als Wertquelle. Gleichzeitig birgt es Risiken wie Transparenzmangel, ethische Fragen zur Nutzung von Interview-Daten oder zur Fairness der Algorithmen.

Mercor ermöglicht das schnelle Onboarding globaler Teams durch KI-Optimierung.

Quelle: dhrmap.com

Mercor ermöglicht das schnelle Onboarding globaler Teams durch KI-Optimierung.

Als nächsten Schritt empfiehlt sich, einen echten Vertrag einzufordern, Referenzen zu prüfen (z. B. ob andere Kandidat:innen tatsächlich eingestellt wurden), Bonusangebote zu hinterfragen und den Datenschutz zu klären („Was passiert mit meinen Interview-Daten?“). Mercor AI steht exemplarisch für eine neue Schnittstelle zwischen Personalarbeit, KI-Technologie und Datenökonomie. Das Geschäftsmodell wirkt plausibel, die Bewertung beeindruckend, doch zugleich bestehen gewichtige Fragen zur Legitimität und Fairness der Verfahren. Für Interessierte bedeutet dies: Neugierig bleiben, genau prüfen – und nicht blind auf große Versprechen setzen.

Quelle: YouTube

Offene Fragen bleiben: Wie viele Kandidat:innen haben über Mercor tatsächlich eine langfristige Stelle bekommen? Welche Transparenz gibt es bezüglich Vertragsmitteln, Auszahlung und Status der Rolle? Werden Interview-Daten tatsächlich nur für Jobmatching verwendet oder primär zur Datengewinnung für KI-Modelle? Welche Regulierungen greifen beim Einsatz von KI im Recruiting und bei der Datenverarbeitung von Bewerber:innen? Bis diese Daten öffentlich sind, bleiben für Interessierte Risiken bestehen.

Teilen Sie doch unseren Beitrag!